Raubfischen

Roman

Die Schule, die Eltern – Daniels Welt ist voller Zerwürfnisse. Die Ferien in Südschweden mit seinem Großvater bedeuten ihm alles. Die Stunden auf dem See, die geheimnisvolle Welt unter Wasser. Doch dann erkrankt sein Großvater an ALS. Erst verliert er den Appetit, dann seine Stimme, zuletzt die Fähigkeit zu atmen. Daniel erträgt es nicht, tatenlos dabei zuzusehen, und fasst den waghalsigen Entschluss, ein Leben zu retten, das schon verloren ist.

  • Raubfischen
  • Roman
  • etwa 240 Seiten
  • Mit Zeichnungen
  • Gebunden
  • ISBN 978-3-351-05014-6
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Leseprobe

Ich erinnere mich an einen Anruf. Zusammen mit Mutter sitze ich auf unserer Terrasse. Ich trage Vaters alten Arbeitsanzug. Drei Kinder schreiben ihre Namen auf das Kopfsteinpflaster der Spielstraße, dazwischen Kreidewolken und Kreidehäuser, ein Fußball, eine Decke. Tauben sitzen auf der Stromleitung darüber. Vater steht neben dem Rasenmäher. Er blättert in der Bedienungsanleitung, hebt seinen Kopf und sagt, das sei ganz sicher ein Pärchen. Mutter sagt, es seien einfach zwei Tauben, die nebeneinander sitzen. Seit Stunden scheinen sie sich nicht bewegt zu haben. Ich stelle das Glas auf den Tisch und gehe zurück zum Zaun, um dort weiter die Palisaden zu streichen.
Weiße Farbe spritzt von der Rolle. Die Steinfliesen unserer Terrasse sind abgedeckt mit einem Teppich aus alten Zeitungen. Vaters Anzug ist mir viel zu groß. Mutter möchte, dass wir es schön haben.

Sie hat sich angewöhnt, Vater regelmäßig von seinen Arbeiten abzuhalten. Auch jetzt ruft sie ihn. »Komm doch mal her, und Daniel, mach' doch mal eine richtige Pause. Wir essen noch ein Stück Kuchen, ja?«
Das Fenster des Arbeitszimmers über uns steht offen. Das Telefon klingelt. Mutter und Vater schauen zu mir. Ich nicke, lege die Farbrolle auf die Zeitung und springe über die Gehwegplatten. Der Rasen zwischen den Kanten der Platten wird zweimal pro Woche gemäht. Während ich renne, ziehe ich den Reißverschluss von Vaters Blaumann nach unten. Mutter sagt, ich dürfe das Haus unter keinen Umständen mit dem dreckigen Anzug betreten. Die Tür steht einen Spalt offen. Ich lasse den Blaumann auf den Boden gleiten, schlüpfe hinaus, streife mir die Schuhe von den Füßen und laufe die Treppen nach oben. Wie angenehm kühl es im Haus ist. Mit meinen Fingerspitzen springe ich über das Geländer. In Gedanken zähle ich die Namen der möglichen Gratulanten auf. Das Telefon steht neben dem Computer auf dem Schreibtisch meiner Eltern. An der Wand Porträts. Ich mit Zuckertüte am Tisch einer Bowlingbahn, daneben, etwas kleiner: ich auf einem Zirkuselefanten. Das Polaroidfoto ist acht Jahre alt. Mein verschwommenes Gesicht. Der Elefant darunter, dieser zahme Wahnsinn von einem Tier. Darüber meine Eltern vor einem Alpenpanorama, zwei Karten aus dem Harz.
Ich nehme ab. Draußen beginnt Vater endlich den Rasen zu mähen. Ich bin außer Atem.
»Hallo?«, sage ich. Die Verbindung ist schlecht. Ganz offensichtlich.
Die Begrüßung. Etwas steckt in dieser Leitung und unterbricht seine Worte. Ein Rauschen. Ja. Ich halte mich an diesem Rauschen fest. Es besteht die Möglichkeit, dass das Versagen seiner Stimme allein an der Technik liegt. Das Fenster ist geöffnet. Vater mäht den Rasen, beständig dringt ein Motorengeräusch in dieses Zimmer. Die Flugzeuge über uns. Die Autos. Die spielenden Kinder. Das sind keine optimalen Bedingungen für ein Telefongespräch. Wie viele Kilometer muss diese Leitung überbrücken? Tausend. Mindestens. Das Telefon in der Hütte ist alt. Großvater erlaubt sich einen Scherz. Es muss so sein.
Die Gratulation. Er spricht, als steckten Wattebäusche in seiner Mundhöhle. Sein Zögern. Es ist mir völlig fremd. Ich höre kein Rauschen. Es ist, als spräche er jedes Wort mit äußerster Vorsicht, als wäre seine Zunge die eines anderen. Wann habe ich das letzte Mal mit ihm gesprochen? Dann belegt ein unruhiges Nichts unsere Leitung.
Das Dankeschön. Ich gehe mit keiner Silbe auf das ein, was er und ich hören. Trotzdem legt sich eine Nachsicht in meine Stimme. Ich klinge nun so ähnlich wie Mutter, die sich seit Monaten regelmäßig wünscht, dass wir alle mehr Zeit miteinander verbringen, dass ich nicht mehr allein in meinem Zimmer vor dem Fernseher esse, dass Vater weniger in der Garage an den Fahrrädern arbeitet, dass wir mehr miteinander reden.
»Danke«, sage ich, »wie schön, dass du an mich gedacht hast.«
Auf der Schreibtischunterlage ziehe ich mit der rechten Hand Wellenlinien mit einem Kugelschreiber. Mit der Linken drücke ich den Hörer an mein Ohr.
Ich müsste fragen, wie die Fahrt war. Ob die Steinpilze wieder so madig sind. Was er bis jetzt gefangen hat. Ob Großmutter nun endlich Schach spielen kann. Ob es ihnen gut geht dort am Tostaholmen. Grüße ausrichten. Nichts davon. Ich sehe auf die Wand vor mir. Auf die Fotos, auf all die kleinen Unebenheiten dieser Tapete, auf meine Finger, weiß gesprenkelt. Kein Wort verlässt mehr seinen Mund. Ich höre Großmutters Stimme. Hat sich Großvater verabschiedet?
»Oma!«, sage ich. Dabei täusche ich eine unbeschwerte Freundlichkeit vor. Ich erinnere mich an die Anrufe von heute Vormittag und imitiere die Stimme eines Menschen, der sich über einen Geburtstagsanruf freut. Großmutter klingt, als imitiere sie einen Menschen, der seinem Enkelsohn zum Geburtstag gratuliert. Sie flüstert mir eine Gratulation zu, ich solle einen schönen Tag haben, mir keine Sorgen machen. Es gehe ihnen prächtig. Ich nehme ihr diese Lüge nicht übel.
»Danke.«
»Ja.«
»Vielen Dank.«
»Ja, hier auch. Nur Sonne. Die ganze Zeit, eine Affenhitze, und das um diese Jahreszeit.«
»Ja.«
»Gut.«
»Sind auf der Terrasse.«
»Ja, mach ich.«
»Tschüss.«

Pressestimmen

Jüglers Sprache ist glasklar und unaufgeregt. Wie er vom Ende eines Lebens erzählt, lässt uns lange nicht mehr los.
– Matthias Nawrat

Der Debütroman des 1984 in Halle geborenen Autors ist nicht nur eine berührende Geschichte über das Enkel- Großeltern-Verhältnis [...] sondern auch eine Erzählung, die die spröde Schönheit der schwedischen Landschaft [...] ebenso bildhaft zu gestalten weiß wie das ALS- Krankheitsbild.
– Kai Agthe, Mitteldeutsche Zeitung

Matthias Jüglers Sprache ist klar, verständlich, fast nüchtern – das tut „Raubfischen“ unendlich gut.
– Ulrike Biella, Radio Mephisto 97,6

[...] sprachlich ein Genuss.
– Thema Magazin

Ein Debüt: Und was für eines! Matthias Jügler [...] schreibt so, [...] als ob die Worte sich von selber fügten zur vollkommenen Form.
– Neues Deutschland Online